Ein Stück Heimat – seit 1927

„Fahr‘ ma zum Seidl!“ sagen die Menschen in der Oststeiermark (und mit steigender Mobilität weit darüber hinaus) schon seit vielen Jahren aus gutem Grund. Das familiengeführte Haus in Anger bei Weiz offeriert seit jeher „Ein Stück Heimat“: früher zum Arbeiten und Selbermachen (Kälberstricke, Saatgut, Stoffe), heute für besondere Anlässe und einen herrlichen Alltag zwischen Tracht (Festtagsdirndl & Krachlederne) und Fashion (Designer-Stücke & Maßanpassung). Gegründet als kleiner Gemischtwarenladen in der Provinz entwickelte sich Seidl zum Traditionshaus mit internationalem Anspruch und ländlichem Charme, den es seit 1981 auch in einem Geschäft in der Landeshauptstadt Graz verströmt.

Seit Beginn in Familienhand, wird das Unternehmen mit derzeit vier Verkaufsstandorten mittlerweile von den Urenkeln des Gründers geführt: Katharina und Viktoria Götzl führen die Tradition weiter, nach wie vor in Zusammenarbeit mit ihren Eltern Monika und Oswald Peter. Sinn für Geschmack und Geschäfte wird bei Seidl von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Gründerfamilie (v.re.): Peter mit Ehefrau Viktoria Seidl, dem Sohn und späteren Nachfolger Karl sowie seinen Geschwistern Josefine, Alfred und Erna

Vom Greißler zum Fashion-Profi: Die Geschichte von SEIDL in Anger und Graz

Im April 1927 wird der erste Volvo produziert, im Mai fliegt Charles Lindbergh zum ersten Mal nonstop von New York nach Paris, und Anfang Juli bekommt das Ehepaar Viktoria und Peter Seidl im oststeirischen Anger ihren Gewerbeschein ausgestellt. Sie finden es etwas frech, diese Ereignisse in ein und demselben Atemzug zu nennen? Mag sein. Nun hat SEIDL keinen (bekannten) Rekord aufgestellt und ist auch nicht zu einer globalen Marke geworden – noch nicht. In Sachen Begeisterung für das, was er tut, steht der Familienbetrieb dem Pionier Lindbergh und Global Player Volvo aber um nichts nach. Alleine, im Jahr 2012 mit 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche noch (immer) in einem 900-Seelen-Dorf beheimatet zu sein, das kann man ohne Scheu als bahnbrechend bezeichnen.
Shoppingcenter-Boomzeiten – und ja, auch SEIDL hat sich einmal über Jahre in einem davon, dem Grazer Citypark, eingemietet – nimmt das Unternehmen gelassen hin und lädt die Menschen lieber zum Slow-Shopping mitten im Apfelland ein. Aber der Reihe nach.

Frisch eingezogen ins Seidl-Stammhaus: Peter (ganz links) und Ehefrau Viktoria Seidl (2.v.re.) mit Mitarbeitern um 1930

1927

Warum denn eigentlich Anger, werden Sie sich fragen. Und, ja, auch innerhalb des Unternehmens selbst soll der Standort des Stammhauses schon ein, zwei Mal kritisch hinterfragt worden sein. Aber der kleine Markt, der etwas versteckt im Feistritztal liegt, hat Charme – das muss man zugeben. Die glänzende Mariensäule am Hauptplatz, die blühenden Obstbäume im Frühling, die freundlichen „Grüß Gott“s der Ortsbewohner, die zwischen Bäckerei und Gasthaus spazieren: Heute trägt all das ungemein zur allseits benötigten Entschleunigung bei. 1927 war es schlicht die bessere Schulausbildung für die vier Kinder, die Viktoria und Peter Seidl vom obersteirischen Oppenberg nach Anger führte. In dem kleinen Dorf hatten sich der gebürtige Obstbauernsohn aus Stubenberg und die Tochter des Gutsbesitzers Steinkellner bei St. Michael schon selbstständig gemacht. Doch Anger war damals (und ist noch heute) sehr beliebt bei Sommerfrischlern aus Wien und Niederösterreich – ein guter Boden für Geschäfte also. So steckten die Seidls ihr Erspartes in den Kauf des Hauses 28 (heute neu nummeriert als 11) in Anger, dem damaligen „Kaufhaus Keller“, einem Gebäude, in dem schon seit dem 17. Jahrhundert ein Handelsgeschäft etabliert war. Bis heute sollte es das Stammhaus der Firma bleiben.

Anlaufstelle für den täglichen Bedarf: Selbst tanken konnte man früher bei Seidl in Anger

1930

Fleißig, redlich und mit kaufmännischem Talent gesegnet sollen sie gewesen sein, die Seidls. In jedem Fall war das Kaufhaus Peter Seidl schon bald zum Begriff für guten Einkauf in der Region geworden. Kälberstricke, Knopf und Zwirn, Petroleum, Lebens- und Futtermittel und sogar Spitzendecken für Sarg-Auskleidungen wanderten seinerzeit über den Ladentisch. Ein echter Gemischtwarenladen eben. Selbst tanken konnte man bei Seidl am Hauptplatz. In diesen Jahren wurde das Fundament geschaffen, auf das Sohn Karl später einmal aufbauen durfte.

Weibliches Geschick führte Seidl zum Erfolg: Luise Seidl war die Seele der Firma, hier gemeinsam mit Ihrem Ehemann Karl beim 50jährigen Firmenjubiläum

1952

Als 1944 der älteste Sohn und vorgesehene Firmenerbe Alfred aus dem Krieg nicht mehr zurückkehrte, trat Karl an seine Stelle. Wobei auch der weibliche Nachwuchs in der Familie später sein wirtschaftliches Geschick ausleben sollte: Beide Töchter machten sich mit Kaufhäusern erfolgreich selbstständig. 1952 schließlich übernahm Karl das elterliche Unternehmen und brachte mit Luise Sunitsch, die seine Frau wurde, eine schillernde und wertvolle Persönlichkeit in die Firma. Eigentlich war Luise fürs Hotelfach ausgebildet, doch bei Seidl fand sie ihre wahre Bestimmung, so schien es: Sie war es, die in den Handel mit „ein bisschen von allem“ neue Struktur brachte.

In den 50ern Spar-Markt und Schuhgeschäft der Seidls, heute das Jeans-Loft STUDIO

1960

Gemeinsam mit ihrem Ehemann wurde Ende der 1950er ein Nachbarhaus am Angerer Hauptplatz erworben und zu einem SPAR-Markt (einem der ersten in der Steiermark überhaupt) und einem Schuhgeschäft umfunktioniert. Heute ist dieses Haus übrigens die erste Adresse für lässige Street- und Jeanswear, aber dazu später. Damals, Anfang der 60er, investierten die Seidls kräftig in die Ausbauten der Geschäftslokale in Anger. Von dort an wurde laufend etwas an-, aus- oder umgebaut.

Prägte eine ganze Generation von Steirern: der Werbespruch von Karl Seidl

1970

Karl Seidl hat solche Projekte immer geliebt. Abgesehen davon betätigte er sich leidenschaftlich gern als Dichter und Texter, so prägte er auch den Slogan „Ja, die Trachten vom Seidl san d’schönsten im Land“, den er gemeinsam mit G’stanzln und Reimen fortan über den ORF Steiermark verbreitete. Die Radiospots waren es auch, die Seidl schnell überregional bekannt machten und glorreiche Jahre für das Unternehmen einläuteten.

Mit dem alljährlichen Kirtag in Anger wird Seidl überregional bekannt. Eine Tradition, die bis 2012 bestehen blieb

1974

Der SEIDL-Kirtag wurde zur festen Institution im Juli. Während Karl
die Werbetrommel rührte, kümmerte sich Luise um das Warensortiment und lenkte den Schwerpunkt auf ihre Leidenschaft: die Mode. Statt Stoffe, Vorhänge und Matratzen zu verkaufen, möchte sie fertige Kollektionsteile von renommierten Marken anbieten. Sie beginnt, internationale Messen zu besuchen: Florenz, Paris, Düsseldorf.

Seit den 1970er Jahren Freunde des Hauses Seidl: Die Stoakogler

1976

In den 1970ern ist es Luise, die zusätzlich die Tracht für Seidl entdeckt und zu hochwertigen Labels greift: Resi Hammerer, Lodenfrey, Tostmann, Steinbock und viele mehr sorgen in Folge dafür, dass SEIDL zum Inbegriff für Trachten in der Steiermark wird. Der perfekte Sitz der Konfektionsteile ist der modebewussten Luise ein Anliegen und sie reagiert auf die gehäufte Nachfrage nach Schneiderarbeiten: Die erste hauseigene Änderungsschneiderin wird beschäftigt. Seitdem ist Seidl stolz auf seine kreativen Meisterschneiderinnen, die Kollektionsteile vor Ort perfekt individuell anpassen – falls nötig.

Seit 1981 eine weitere Seidl-Adresse: Schmiedgasse
13-15 in der Grazer Altstadt

1981

Die Grazer Messe, eine jährliche bis halbjährliche Publikumsschau,
wird zur nächsten Herausforderung für das Unternehmen. 1978 ist Seidl das ersteMal mit einem Verkaufsstand vertreten und entwickelt sich zu einem Publikumsmagneten. 35 Jahre lang hielt Seidl der Grazer Messe als Aussteller die Treue. 1981 wagt man den permanenten Schritt von der Provinz in die Stadt: Im November eröffnet Seidl zusätzlich einen Laden in der Grazer Schmiedgasse. Endlich haben es die Städter nicht mehr so weit zum bewährten Geschäft ihrer Wahl. Währenddessen verwandelt sich das Schuhhaus am Angerer Hauptplatz in die Richtung seines heutigen Bestehens und mutiert zu einem Jeans- und Schibekleidungsladen.

Bis heute tief verwurzelt: 1987 erhält Seidl das Steirische Landeswappen als Auszeichnung

1987

Plötzlich wird Luise Seidl schwer krank. Kurz nachdem ihr geliebtes
Stadtgeschäft 1987 vergrößert und revitalisiert wird, stirbt Luise 59-jährig an Krebs. Sie sieht ihr neues Geschäftslokal nur ein einziges Mal. Die Auszeichnung durch das Land Steiermark mit dem Landeswappen erlebt sie ebenfalls nicht mehr.

Seit 1989 Inhaber und bis 2015 Geschäftsführer: Monika und Oswald Peter Götzl (vorne links und ganz links), hier mit Mitarbeitern Anfang der 1990er Jahre

1989

Karl Seidl, selbst schon im pensionsreifen Alter und kinderlos, findet im Sohn seiner Schwester Josefine schließlich einen Nachfolger in der Familie: Oswald Peter Götzl, damals 40 Jahre alt und ausgebildeter Bankkaufmann, übernimmt gemeinsam mit seiner Ehefrau Monika, einer zu diesem Zeitpunkt bereits erfahrenen Verkäuferin, das Unternehmen. Zwei neue Führungskräfte mit
einer ähnlichen Rollenverteilung: Oswald Peter ist bis heute Finanzchef der Firma, Monika Fashion-Guru und gute Seele in einem. Gemeinsam arbeitet das Paar daran, die Position von Seidl als Fachgeschäft mit bester Beratung und qualitätsvollen Produkten auszubauen. Auch setzen sie die Bau-Tradition fort: 1990 wird der Jeansladen erneuert, 1994 dann das Stammhaus renoviert. Die 90er Jahre sind es auch, die Seidl einen dritten permanenten Verkaufsstandort bescheren: Bis 2003 gibt es „Die Trachten von Seidl“ auch im Grazer Innenstadt-Einkaufszentrum Citypark.

Innovatives Erbe: Zum 85-Jahr-Jubiläum fotografiert Seidl seine
Werbekampagne unter Wasser

2000

Schon kurz darauf drängt die vierte Generation der Familie ins
Unternehmen: Katharina und Viktoria, die beiden Töchter der Götzls, sind mit einer modebegeisterten Mutter aufgewachsen und entdecken ihr berufliches Interesse in diesem Feld. Seidl wird offiziell zu „Ein Stück Heimat“, ein österreichischer Leitbetrieb und Vorreiter was den zeitgeistigen Zugang zu Tracht angeht. 2006 eröffnet, initiiert vom Nachwuchs, der Jeansladen STUDIO in Anger neu als 300 Quadratmeter großes Denim-Paradies im Loft-Stil. Wenige Monate später folgt das SEIDL Outlet im SEIDL Park in Anger. Das Vierergespann bekennt sich zu seinen Wurzeln und lebt gemeinsam mit etwa 40 engagierten Teammitgliedern sein Verständnis von Brauchtum: „Jede Tradition hat einmal als Innovation begonnen, und in diesem Sinne sind wir ausgesprochen traditionsbewusst.“

Die 3. und 4. Generation der SEIDLs (v.li.): Geschäftsführerinnen Viktoria und Katharina Götzl mit ihren Eltern Oswald Peter und Monika Götzl