Was soll ich bloß anziehen? – Altmodisches.

Die Kolumne von SEIDL-Geschäftsführerin Katharina Götzl, Freundin des guten Geschmacks. Diesmal:

ALTMODISCHES

Graue Haare, Schluppenblusen, Krankenkassenbrillen: Trendbewusste Frauen tragen momentan den Oma-Look. Die meisten Männer kommen da natürlich nicht ganz mit, tragen aber Rauschebart. Legionen von Frauen gehen kopfschüttelnd zum Friseur und lassen sich ihre weißen Ansätze nachfärben. Dass die Modewelt sich nicht jedem erschließt, ist ja teilweise Sinn der Sache: Abgrenzung, Individualität und so. Und dass sich die Designer seit jeher Anleihen aus der Vergangenheit für neue Strömungen nehmen, ist legitim und nichts Neues. Dass aber plötzlich Dinge, die „alt machen“ das sind, wonach die nachwachsenden Fashion-People lechzen, schon. Mittfünfziger tragen derweil Kapuzenpullis und rollen auf dem Skateboard zum Meeting, während sich Siebzehnjährige die Haare zum Dutt binden, Faltenröcke tragen und zur Entspannung stricken. Was ist da geschehen?
Die Generationenfrage stellt sich in der Mode schon lang nicht mehr. Eine Kategorisierung von Marken oder Kollektionen nach „jung“ und „alt“ hat sich längst überlebt. Alle tragen irgendwie alles, Trends sind nicht mehr für Altersgruppen gemacht, sondern für Einstellungsgruppen. „Beige macht alt“, sagt meine Mutter immer, ein alter Hase in der Fashion-Branche. Sie meint damit: Diese Farbe trägt man besser, wenn man schon alt ist. Dann fällt’s nicht so auf. Was war im vergangenen Winter das Teil, das alle superhippen, meist superjungen, Hobby-Fotografen auf ihren Blogs rauf und runter gepostet haben: genau, der Kamelhaarmantel im klassischen Beige. Beiger ging’s nicht mehr.
Gegenströmung zum Jugendwahn? Lust aufs Altwerden? Die Antwort: chronische Nostalgia! Wir Menschen sehnen uns nach der guten alten Zeit, nach Beständigkeit in einer digitalen Welt. Hausmannskost und analoge Fotografie, bewusstes Offline-Gehen und Vinyl: Retro ist unsere Zukunft. Gute Karten für die Tracht. Da ist die Entschleunigung quasi schon eingestrickt, -genäht und –gedruckt. Erbstücke werden plötzlich wieder attraktiv statt angestaubt. Ein Hoch aufs Vererben, Verschenken, Ausborgen und selektive Kaufen! Und es sieht ja wirklich super-süß aus, die momentan so trendy hochgeschlossenen Dirndl mit Häkelspitzenbluse, getragen von einem jungen Mädel. Gut, Männer sind verwirrt und vermissen das Dekolleté, ihrem Hauptargument fürs Dirndl. Aber keine Sorge: Schon Berthold Brecht hat gesagt: Modern ist veraltet.

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